Archiv für September 2011

In 10 Schritten zur eigenen Persönlichen Lernumgebung

Donnerstag, 22. September 2011

Thomas ist Franzose und lebt in der Nähe von Paris. Er ist 20 Jahre alt und kommt nach Berlin um ein 6monatiges Orientierungspraktikum zu machen. Das ist für französische Verhältnisse eher ungewöhnlich, weil sich die Schulabgänger in der Regel direkt für ein anschließendes Studium oder eine Ausbildung einschreiben. „Man“ verliert keine Zeit.

Der Berlin-Aufenthalt ist für Thomas ideal, weil er sein Deutsch verbessern kann. Praktikumsinhalt: „Die persönliche Lernumgebung“, das eigene Personal Learning Environment (PLE).

Das Konzept einer (digitalen) persönlichen Lernumgebung ist ihm bis dato unbekannt und so betritt er Neuland.

Was gehört alles rein in die eigene PLE? Welche Anforderungen muss sie erfüllen.
Natürlich ist es schon fast ein automatischer Reflex sich an den Computer zu setzen und erst mal zu recherchieren … – Schwupp, ein halber Tag ist weg, unglaublich viel gefunden, viele interessante Links, jede Menge gelesen, …

Auf die Frage, ob er gefunden habe, was er suchte, kommt ein zögerliches: „Na ja, also ich habe gelesen, dass … und eigentlich denke ich, dass …“

In dem nachfolgenden Gespräch wurde klar, das die Strategie „los zu surfen“, Wikipedia zu besuchen und anschließend von Webseite zu Webseite zu springen, Links zu speichern … in der Regel kein zufriedenstellendes und nachvollziehbares Ergebnis bringt.

Nun folgt der Plan:
1) Ziel formulieren
2) Eigene Gedanken festhalten
3) Quellen suchen und beurteilen
4) Informationen aufnehmen, speichern, kommentieren
5) Informationen zusammentragen
etc.

Doch leichter gesagt als getan. Denn auch diese vermeintlich einfachen Schritte setzen voraus, dass man die Methoden und Techniken verinnerlicht hat: Z.B. wie man ein Ziel formuliert? Wie man effektiv im Internet recherchiert? Wie man die Informationsquellen beurteilt? Wie man die Quellen zitiert? Wie man  bibliografiert? Wie man seine Arbeitsergebnisse dokumentiert? …

So, nun sind wir angekommen in der Praxis. Die Reflektion der eigenen Lernmethoden, Lernstrategien und der Lernorganisation erfolgt nun mit dem Ziel, sich eine eigene, praktische und nützliche Lernumgebung einzurichten.

Die entstandene persönliche Lernumgebung hat exemplarischen Charakter und beinhaltet methodische Hilfen zu den Themen:

Wie lerne ich effektiv?

Wie lehre ich effektiv?

Wie formuliert man Ziele?

Wie geht Zeitmanagement?

Wie geht Brainstorming?

Wie gehe ich mit Materialmix um?

Wie bibliografiere ich?

Wie recherchiere ich effektiv?

Wie präsentiere ich?

Wie geht Projektarbeit?

Wie erstelle ich ein Protokoll?

Wie erstelle ich einen Praktikumsbericht?

Wie lerne ich Sprachen?

Wie erstelle ich mein Lerntagebuch?

Wie erstelle ich mein e-Portofolio?

Wie organisiere ich mein Wissen so, dass ich es wiederfinde?

Da das Thema “Persönliche Lernumgebung” nicht nur Schüler und Studenten betrifft, befinden sich im Buch auch 5 Kurzanleitungen: Sie heißen jeweils: “In 10 Schritten zur eigenen persönlichen Lernumgebung für Schüler, … für Studenten, … für Eltern, … für Lehrende und … für Senioren”.

L'Environnement d'Apprentissage Personnel

Das Buch ist in französischer Sprache erschienen:

Detlev Roth, Thomas Werkmeister: L’Environnement d’Apprentissage Personnel. Une nouvelle façon d’organiser son savoir. Books on Demand, Paris. 2011. ISBN: 978-2-8106-1195-9 (amazon)

Lebenslanges Lernen, PLE, Frankreich und Deutschland?

Mittwoch, 21. September 2011

Wir suchten die französische Übersetzung für „Lebenslanges Lernen“ bzw. „Lifelong Learning“, weil wir recherchieren wollten, welche Initiativen die Franzosen auf diesem Gebiet durchführen.
Anscheinend existiert dieser Begriff bzw. diese Idee in Frankreich nicht.

Etwas besser ist die Lage bei der “Persönlichen Lernumgebung” bzw. dem “Personal Learning Environment”. Der Begriff wurde übersetzt mit „L’Environnement d’Apprentissage Personnel“. Hier scheint die Diskussion noch sehr in den Kinderschuhen zu stecken.

Die Auseinandersetzung mit diesen beiden Themen – Lebenslanges Lernen und Persönliche Lernumgebung – sollte mit der Frage beginnen, wer die Verantwortung für die Realisierung der beiden Konzepte übernimmt. Für den Lernenden läuft es letztlich auf die Frage hinaus: Ist meine Rolle dabei passiv oder aktiv?

Wenn ich mich als Lernende/r in der passiven Rolle sehe, dann denke ich, dass der Staat und die Institutionen mich versorgen müssen. Also versorgen mit Weiterbildungsangeboten, Programmen, Projekten, Lernumgebungen und natürlich: Lehrern, Dozenten und Professoren (und später den richtigen Jobs). Ich lasse mich füttern ;-) und gebe die Verantwortung ab „nach oben“.

Wenn ich mich in der aktiven Rolle sehe, dann überlege ich mir, wie ich meine Bildung organisieren kann. Dann tauchen die Fragen auf: Wie lerne ich am besten? Wie organisiere ich mein Wissen so, dass ich es stets verfügbar habe? Was kann ich tun, damit ich meine Anstrengungen, Kompetenzen und Wissen so dokumentiere, dass es mir bei meiner Karriere hilft? Wie überwinde ich institutionelle, fachliche, geographische, sprachliche Barrieren? Wie erstelle ich mir ein internationales e-Portfolio, dass kontinuierlich meine Aktivitäten abbildet?

Von den Franzosen wird gesagt, dass sie sich in Bildungsfragen den Autoritäten einfach unterordnen. D.h. der Lehrer hat immer recht, der Dozent hat immer recht und der Professor auch.
Anscheinend wird diese Rollenaufteilung zwischen Lernenden und Lehrenden nur wenig hinterfragt. (Sollte ich hier fälschlicherweise ein Vorurteil äußern, bitte ich den oder die Leser/in, mir dies mitzuteilen).

So eine Sicht ist für die „kritischen“ Deutschen, wie sie sich selbstbewusst bezeichnen, undenkbar. „Der Lehrer hat immer Recht?“ – Das wird eher automatisch als Witz verstanden. Meines Erachtens ist die kritische Haltung der Deutschen eine Folge der Erziehung nach dem Kriege. Das Ziel in der (auch politischen) Bildung des Bürgers: Kritikfähigkeit – Hinterfrage Autoritäten – Bilde Dir Deine eigene Meinung – und für das Training ist die Schule, die Ausbildung und Universität ein idealer Ort.

Beide Positionen des Lernenden, ob „folgsam“ oder „kritisch“, stellen den Rahmen, in dem die Bildung stattfindet nicht in Frage. Sie gehen beide davon aus, dass die Verantwortung für den eigenen Bildungserfolg bei den Institutionen und den Lehrenden liegt. Damit bleibt die Rolle des Lernenden letztlich immer noch passiv.

Ich denke, der Weg der französischen und der deutschen Lernenden (gleich welchen Alters), hin zu einer persönlich aktiven Rolle hinsichtlich der Organisation des Lebenslangen Lernens und einer funktionsfähigen Persönlichen Lernumgebung ist gleich weit.

An die Arbeit ;-)

Übergreifendes

Dienstag, 20. September 2011

Als ich vor zwei Wochen davon hörte, war ich einfach begeistert: Die GSO (Gesamtschule Bremen Ost) ist ein hervorragendes Beispiel für eine Bildungseinrichtung, die fächerübergreifend, sprach- und länderübergreifend sowie generationsübergreifend arbeitet und die Lernenden und Lehrenden begeistert. Darüber hinaus ist es auch eine „institutionsübergreifende“ Ausrichtung.

Der Blick geht nach Bremen, zum Stück „Polski Blues“. Eines von drei Projekten, die die Gesamtschule GSO zusammen mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen realisierte.

Hier sind einige Links, die das Projekt vorstellen:
radiobremen 01
Hier spielt die Musik
radiobremen Video

Es ist mehr als ein Projekt, es ist eine Ausrichtung einer Bildungseinrichtung, die ich beispielhaft finde, die einen Modellcharakter hat.

„Übergreifend“ heißt hier konkret fächerübergreifender Unterricht:

Musikunterricht: Die Schüler können das Spiel auf Musikinstrumenten (von Profis) lernen, sie spielen mit bei der Aufführung. Sie schreiben selber Texte. Sie setzen sich mit der Komposition auseinander, die eigens für die Aufführung komponiert wurde.

Kunstunterricht: Die Schüler entwerfen das Bühnenbild und beschäftigen sich mit den „zeitgenössischen Kostümen“.

Geschichts- und Politikunterricht: Die Beziehung der Länder Deutschland und Polen gerät ins Blickfeld und wird diskutiert.

Sprachübergreifend: Hier wird auch polnisch gesprochen und gesungen.

Länderübergreifend: Der polnische Startenor Jacek Laszczkowski ist beteiligt und die Geschichte von Polski Blues (von Janosch) führt in das kleine polnische Dorf Kuznice.

Generationsübergreifend: Nicht nur die Zusammenarbeit von Schülern und Profimusikern bringt die Generationen zusammen, sondern auch die starke Beteiligung und Unterstützung der Eltern an dem Projekt steht dafür. Sie nehmen Teil – an der stillen Vorarbeit und am aufregenden Höhepunkt der Aufführung. Stolz sind sie alle zusammen.

Institutionsübergreifend:
Hier arbeiten Bildungseinrichtung und professionelles Orchester zusammen. Zwei Einrichtungen, die normalerweise nichts mit einander zu tun haben.

Bei dem Bremer Bezirk Tenever handelt es sich um einen Stadtbezirk, der soziale Schwierigkeiten hat. Für mich bedeutet dies, dass sich so eine Arbeit auch in „schwieriger“ Umgebung erfolgreich durchführen lässt – aber natürlich eigentlich überall stattfinden kann.

Herzlichen Glückwunsch: Die ganze Entwicklung hat bestimmt viel Mut und Entschlossenheit gebraucht – für alle Beteiligten.

Vielleicht steckt dieses Beispiel auch andere Bildungseinrichtungen an, die eigenen (regionalen und internationalen) Möglichkeiten auszuloten – und sich von dieser Idee, dieser Ausrichtung „übergreifend“ zu agieren, anstecken lassen. Vielleicht erscheint ja auch mal eine umfangreiche Dokumentation, die den ganzen Weg der fruchtbaren Zusammenarbeit von GSO und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen skizziert.

Wirklich übergreifend und hoffentlich ein Vorbote des neuen Zeitgeistes.