Zusammenfassung: Die Beurteilung und Einrichtung einer technischen Umgebung zum Lernen und Lehren erfordert viele Kompetenzen. Bildungsinstitutionen stellen Lernumgebungen zur Verfügung. Lebenslang Lernende haben eigene Anforderungen an eine Persönliche Lernumgebung. Eine innovative Persönliche Lernumgebung kann umwälzende Bedeutung für die Forschung, das Lehren und das Lernen erlangen.
Der Computer (oder sollte ich lieber von internetfähigen Endgeräten sprechen?) und die Programme – ob offline oder online – stellen technische Umgebungen für Lernende und Lehrende bereit.
Diejenigen, die diese technische Umgebung (also die Computer und Programme) nutzen möchten, benötigen dafür Anleitungen.
Wenn diese technische Umgebung als Hilfsmittel für die eigene Arbeit eingesetzt werden soll, wird es Ernst. Möglichst effektiv sollen nun Ziele erreicht werden. Damit das gelingt muss ich im Vorfeld viele Entscheidungen treffen (die wiederum Vorwissen und Erfahrungen voraussetzen).
- Welches Betriebssystem wird für die technische Umgebung eingesetzt?
- Welche Programme? Wo bekommt man diese Programme? Was kosten sie?
- Funktionieren diese Programme mit meinem Computer, mit meinem Betriebssystem?
- Nutze ich das Internet? Wofür? Nutze ich Internetservices? Was kostet etwas? Was ist umsonst – und warum? Was ist open source?
- Wieviel Zeit benötige ich, um mich in dieses und jenes Programm einzuarbeiten – wieviele Probleme erwarten mich dabei und kann ich sie (ohne Hilfe) lösen?
- Kann ich die Ergebnisse meiner Arbeit mit den Programmen so nutzen, wie ich es erwarte? (Datenaustausch mit anderen, Präsentationsmöglichkeit – also kann ich meine Daten in der Form präsentieren, die ich benötige und können andere meine Präsentation sehen, bzw. benutzen?)
Die Wahl der technischen Umgebung, die Auswahl der Programme und die Einarbeitung – wenn es um deren Einsatz zur persönlichen Zielerreichung geht – stellen Weichen für den persönlichen Erfolg.
Wenn Organisationen den Beteiligten Ziele vorgeben – eine Schule z.B. oder eine Universität – dann scheint es – angesichts der oben beschriebenen Fragestellungen – eine gute Lösung zu sein, wenn sie auch die entsprechende technische Umgebung definiert und bereit stellt. Heraus kommt – im Falle der Bildungseinrichtung – eine “Lehr- und Lernumgebung”. Diese Umgebung ist so konzipiert, dass die Ziele der Organisation bestmöglich erreicht werden können.
Aus der Perspektive des Lernenden – als jemandem der im Prozess des Lebenslangen Lernens mit unterschiedlichen Bildungsorganisationen in Kontakt kommt – sind die Ziele einer einzelnen Bildungsorganisation von untergeordneter Bedeutung. Genau genommen sollte der Lernende sogar überprüfen, ob und in wie fern die “Lehr- und Lernumgebung” der Bildungsinstitution seine eigenen Ziele fördert bzw. behindert.
Da die “Lehr- und Lernumgebung” der Bildungseinrichtung in mehreren Punkten für den Lernenden unbefriedigend ist (zeitlich beschränkter Zugriff, eingeschränktes Mitspracherecht, Gefühl beobachtet bzw. kontrolliert zu werden, keine Erlaubnis Anderen Zugang zu gewähren, keine Privatsphäre, keinen wirklich persönlichen “Raum” um alle Information hochzuladen, wenig Veranstaltungsinformationen über Ereignisse, die nicht im direkten Zusammenhang mit der Bildungseinrichtung stehen, kein eigenes Wissensmanagementsystem, etc.) stellen sich weiterhin die eingangs erwähnten grundsätzlichen Fragen.
Anforderungen an eine Persönliche Lernumgebung
Die Anforderungen an eine Persönliche Lernumgebung listen Graham Atwell et al. (1) ansatzweise auf:
- Informationssuche
- Sammeln und Strukturieren
- Bearbeiten
- Analyse
- Reflexion
- Präsentieren
- Repräsentieren
- Teilen
- Networking
Ich halte es für wichtig, auf folgende Aspekte zu achten:
- Einfaches Handling
- Individualisierung
- Verfügbarkeit sicherstellen
- Lernunterstützung (z.B. eingebaute Lernkartei)
- Kontexthilfen (z.B. Zeitstrahl)
- Mehrsprachigkeit
- Generationsübergreifender Ansatz
- Hinweis auf aktuelle Veranstaltungen zu den Lerninhalten
Lösungsansätze für die Persönliche Lernumgebung
Bei der Suche nach Hilfestellung – z.B. bei den Ergebnissen der Suchmaschinen zum Thema “Persönliche Lernumgebung” oder PLE (Personal Learning Environment) – werden Persönliche Lernumgebungen als a) Toolsammlungen oder b) eigenständige Software vorgestellt bzw. diskutiert.
a) Die Persönliche Lernumgebung als Toolsammlung
Die Diskussion findet derzeit vor allem im universitären Kontext statt. Es werden Programme zusammengestellt, die Professoren und Studenten bei der Lehre und dem Lernen unterstützen sollen (vor allem Social Software und Webservices).
Zwischenbemerkung: An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, das die Persönliche Lernumgebung nicht nur ein Thema für “Wissenschaftler” ist, sondern ein Thema für alle Lernenden und Lehrenden. D.h., das Thema ist bereits für einen 10jährigen Schüler wichtig, genauso für die geistig fitte 90jährige, ganz zu schweigen vom 40jährigen Vater oder der 60jährigen Weltenbummlerin. (Vielleicht sei an dieser Stelle einmal darauf hingewiesen, dass es in Deutschland keine Interessenvertretung der Lernenden gibt, die sich bildungssystemübergreifend und intergenerationell um optimale Bedingungen für das Lebenslange Lernen engagiert.)
Zurück zur Toolsammlung. Die Toolsammlung ist – angesichts der eingangs erwähnten Fragen, die ich mir zu meiner technischen Umgebung und den Programmen stellen muss – und meiner persönlichen Ziele als lebenslang Lernender – keine überzeugende Lösung.
Sie überzeugt auch deswegen nicht, weil sie nicht für alle einsetzbar ist. Wie soll sich das 11jährige Mädchen eine solche Toolsammlung zusammenstellen und mit dieser Toolsammlung sinnvoll lernen? – Oder mein 90jähriger Schwiegervater in Frankreich?
Nachteile einer Persönlichen Lernumgebung als “collagenartige” Toolsammlung:
- Sie setzt Kenntnis der verschiedenen Tools voraus, die für die Persönliche Lernumgebung interessant sein könnten
- Sie setzt eine Umgebung (Computer oder Online-Webspace) voraus, auf der die Tools installiert werden können
- Sie setzt ggf. ausreichend finanzielle Mittel voraus (Computer, Programme)
- Sie verlangt die Zustimmung zu den Lizenzbedingungen der verschiedenen gewählten Services / Anwendungen. Da Lizenzbedingungen sich jederzeit ändern können, ist eine Beobachtung notwendig.
- Sie stellt eine nicht einheitliche Materialsammlung / Programmsammlung dar. D.h. es ist – im negativen Sinne – eine Erweiterung des Materialmixes mit den entsprechenden Problemsstellungen: Kompatibilität der Programme und Formate, keine Umgebung, die alle Informationen einheitlich strukturiert und z.B. über eine Suchfunktion zugänglich macht bzw. verbindet. Keine Lernfunktionalität. Keine verständnisfördernde Funktionalität. Keine Präsentationsfunktionalität. Keine Unterstützung der Mehrsprachigkeit. Keine Lerntagebuchfunktionalität. Keine ePortfolio-Funktionalität. Keine intergenerationelle Kommunikationsplattform – da die Anwendungen individuell zusammengestellt werden und die Kommunikation mit anderen nur stattfindet, wenn diese die gleichen Services / Anwendungen nutzen.
- Sie stellt für den Lernenden eine zusätzliche Belastung dar, der sich nicht nur wie bisher mit unterschiedlichen Datei-Formaten auseinandersetzen muss (um diese zu beherrschen), sondern nun auch die sinnvolle Nutzung der Services erlernen und reflektieren muss.
b) Die Persönliche Lernumgebung als eigenständige Software
LERNWEG (lernweg.de) ist ein Beispiel für eine eigenständige Software, eine Persönliche Lernumgebung. Hier eine Liste von Funktionen, die den Lernenden (und Lehrenden) unterstützen:
- Persönliches Informations-, Lern- und Wissensmanagementsystem
- Frei definierbare Wissensgebiete
- Erlaubt Speicherung verschiedener Datenformate (Materialmix)
- Erlaubt die verständnisfördernde Kontextualisierung von Informationen (z.B. durch Zeitstrahl)
- Erlaubt das Memorieren durch eine integrierte automatische Lernkartei
- Ist mehrsprachig (de, fr, en – restliche EU Sprachen folgen)
- Suchfunktion
- Eignet sich für Präsentationen (PDF, Blog, Gastzugang)
- Ist barrierefrei (BITV*)
- Zeigt auf Wunsch Veranstaltungen (potentiell auch Dissertationen) zu den eigenen Lerninhalten an (ortsabhängig)
- Ist als Lerntagebuch und e-Portfolio einsetzbar
- Eignet sich gleichzeitig für die Lehre
- Eignet sich für die intergenerationelle Kommunikation
Welchem Lösungsansatz folgen? Die Entscheidung stellt wiederum Weichen.
Mit der Entscheidung für eine Persönliche Lernumgebung als eigenständiger Software vollzieht der Lernende eine emanzipatorische Weichenstellung
- er verlässt den “Gaststatus”
(Gast einer Bildungsinstitution für die Zeit seiner Einschreibung, Gast eines Internetservices …)
- sie fördert seine Selbständigkeit
- sie fördert seine Unabhängigkeit
- sie bringt ihn auf gleiche Augenhöhe mit Lehrenden, weil er sie als leistungsfähiges Instrument für die Lehre einsetzen kann
- er schafft persönliche Voraussetzung für eine intergenerationelle Kommunikation
- er schafft persönliche Voraussetzung für eine mehrsprachige Kommunikation
- erlaubt den (internationalen) Austausch von Informationen, eine Zusammenarbeit und eine übergreifende Projektarbeit
Betrachtet man z.B. das Programm LERNWEG als ein Modell einer Persönlichen Lernumgebung – welche Bedürfnisse des Lernenden in den Mittelpunkt rückt, dann wird vorstellbar, dass der Persönlichen Lernumgebung in Zukunft möglicherweise eine umwälzende Bedeutung im Bereich Forschen, Lehren und Lernen zu kommen könnte. Mit so einer Persönlichen Lernumgebung können sowohl Lernende wie Lehrende Motor einer barrierefreien, bildungssystem-, generations- und sprachübergreifenden Zusammenarbeit sein.
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(1) Graham Attwell, Jenny Bimrose, Allan Brown, Sally Anne-Barnes: Maturing learning: Mash up Personal Learning Environments.. In: Fridolin Wild, Marco Kalz, Matthias Palmér (Hrsg.): Proceedings of the First International Workshop on Mashup Personal Learning Environments (MUPPLE08) Maastricht.. Vol. 388, 2008. (Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Personal_Learning_Environment)
(2) Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung — BITV)